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Alexandra Rother
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Kunstszene in Nepal

Ist Kunst fehl am Platz in einem Land, in den Menschen hungern und viele nicht mal lesen können? Kiran weiss es nicht so recht.

Hintergrund

Nepalesische Kunst, das sind Mandalas aus farbigem Sand, winzigen Steinchen und Plattgold, das sind bedruckte Seidenstoffe und aufwendig verzierte Messergriffe. Nepalesische Kunst, das sind aber auch urbane Graffitis, hippe Performance Art und moderne Fotoprojekte. Erlebbar ist Kunst in andächtigen Klosterhallen, in Hinterhof-Ateliers und manchmal auch an unerwarteten Ecken direkt an stark befahrenen Strassen. 

Tipp

Das Sattya Media Arts Collective (kurz „Sattya“) ist eine Gruppe junger nepalesischer Künstler, die sich mit verschiedenen Projekten in und rund um Kathmandu für öffentlich zugängliche Kunst und Kultur einsetzt. Sattya organisiert regelmässig Workshops und Führungen und ist eine top Anlaufstelle für all jene, die sich für das moderne junge Kunstschaffen Nepals interessieren. Mehr Infos auf www.sattya.org

Kathmandu, ein Moloch wird zur Galerie der Moderne

Kiran Maharjan legt den Kopf in den Nacken und starrt an die graue Wand eines Betonbaus im Kathmanduer Stadtteil New Baneshwor. Mitten auf die Wand hat er in zweitägiger Arbeit ein farbiges Meisterwerk gezaubert, mit Spraydosen und wasserfester Farbe. Etwa acht auf drei Meter gross ist sein Werk. Es zeigt eine junge Kumari, eine menschliche Göttin, aus deren kindlichem Kopf ein Wust von farbigen Blumen, Raumschiffen, entlaufenen Zootieren, Schriftzeichen, alten Symbolen, Vasen und abstrakten Formen wächst. Es scheint, als breche die Moderne aus dem Kopf der Schöpferin, als könne das unschuldige Gesicht der menschlichen Gottheit nicht mehr länger die Augen verschliessen vor der Wucht der Gegenwart, die unlängst mit all ihren Freuden und Macken über das ganze Land schwappt und die traditionellen Werte durch neue Ideen und Begierden ersetzt. „Lalitpur“ heisst Kirans Werk, genau wie der nepalesische Bezirk, den es repräsentieren soll.

Kiran ist einer von 65 Künstlern, die vom nepalesischen Künstler-Kollektiv Sattya engagiert wurden, um beim Projekt „Kolor Kathmandu“ mitzuwirken. Mit der grossangelegten Kunstaktion will Sattya die bröckelnden Wände der Hauptstadt zum sprechen bringen, will die Strassen beleben und den Menschen zeigen: Kunst ist nicht nur in historischen Klöstern und alten Museen erlebbar, sondern auch mitten auf der Strasse, hier und jetzt, direkt in unserem Alltag. 75 Mauern hat sich Sattya für das Kolor Kathmandu-Projekt ausgesucht; eine für jeden Distrikt des Landes. Die angefragten Künstler erhielten einen oder zwei Distrikte zugeteilt, setzten sich mit deren Geschichte und deren Kultur auseinander und legten los. Entstanden ist eine begehbare Galerie, die ganz Kathmandu durchzieht, die Farbe in dunkle Gassen und Moderne in angestaubte Viertel bringt, die aufrüttelt, erfreut, anregt und – damit war zu rechnen – manchen auch sauer aufstösst.

Kiran stört sich nicht ab den Menschen, die ihn misstrauisch beäugten in jenen Stunden, in denen er mit Spraydosen und Pinsel der alten Wand ein neues Gesicht verpasste. „Diese Stadt hier ist faszinierend, aber mancherorts eben auch grau und hässlich. Wir hüllen ihre hässlichen Seiten in ein modernes Gewand. Was kann daran falsch sein?“ Für sein Kunstwerk hat Kiran tagelang recherchiert, hat Bücher über den Distrikt Lalitpur verschlungen und sich sogar mit einer Frau getroffen, die als junges Mädchen selbst für eine Zeit als Kumari ein halbgöttliches Dasein fristete. Kiran hat viele neue Einblicke gewonnen als Künstler. Einblicke, die er in seinem farbigen Schaffen zum Ausdruck bringen will. Doch, Kunst, mitten in Kathmandu, wo Häuser bröckeln, Strassen löchrig und kaputt sind, Menschen betteln, alte Leitungen wie filzige Haare von den morschen Masten hängen, die Luft von Abgasen geschwängert ist und die Fassenden vom Russ teils ganz schwarz sind? Ist das der richtige Ort für Kunst? Kann sie hier ihre Wirkung entfalten? Kiran überlegt nicht lange: „Klar kann sie das. Kunst ist nirgendwo wichtiger als hier. Sie löst vielleicht nicht all unsere Probleme, aber sie bietet uns Ablenkung vom manchmal allzu grauen Alltag. Und darum geht es doch in der Kunst, oder?“

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